Einführung
Die Taglilie (Hemerocallis, engl. daylily) ist eine Pflanze, die so bekannt ist und in so vielen zugänglichen Quellen beschrieben ist, dass ich es mir erlaube, ihre allgemeine Charakterisierung und die Vorzüge, welche sie als Zierpflanze hat, zu überspringen.
Aus Sicht der Züchtung – denn einen solchen Charakter wird die dargestellte Abhandlung tragen – ist die Einteilung der Taglilien in zwei Hauptgruppen, abhängig von der Zahl der Chromosomen, welche die Zellkerne besitzen, wichtig, und zwar in solche, welche die Zahl 22 der Chromosomen der Art behalten haben – genannt Diploide – und in solche, bei denen man es als Ergebnis von Züchtungsarbeiten zu ihrer Verdoppelung gebracht hat – genannt Tetraploide. Man kann, indem man die Pflanze betrachtet, nicht mit vollkommener Sicherheit bestimmen, zu welcher der beiden genannten Kategorien sie gehört, obgleich tetraploide Taglilien grundsätzlich größer und kräftiger gebaut sowie stärker sind und im Gegensatz zu den diploiden Formen größere Blüten haben.
Man darf nicht vergessen, dass eine Kreuzung der Pflanzen im Bereich jeder der beiden Gruppen, d. h. diploide mit diploiden und tetraploide mit tetraploiden, empfohlen wird. Obwohl theoretisch möglich, werden Bestäubungen zwischen den Gruppen unter Amateurzüchterbedingungen allgemein nicht angewandt, weil sie in der Regel nicht erfolgreich sind.
Eine andere Art der Einteilung der Taglilien ist eine Klassifizierung, die an das Verhalten der Pflanzen unter Bedingungen anlehnt, die die Anpassung an klimatische Änderungen während des jährlichen Vegetationszyklus erfordern. Hier berücksichtigt die Einteilung drei Gruppen. Zwei, die an gegenüberliegenden Enden stehen: Dormante, die ihre Blätter für den Winter verlieren und wintergrüne, die ihre Blätter das ganze Jahr über behalten (evergreen) sowie die Mittelform, halbwintergrüne (semi-evergreen). Im Hinblick auf den Anbau von Taglilien in allen geografischen Breiten unseres Erdballs unter sehr verschiedenen klimatischen Bedingungen sowie im Hinblick auf Zwischenformen, die als Ergebnis von Kreuzungen entstehen, hat diese Klassifikation in der Praxis eine nur eingeschränkte Bedeutung. Im Allgemeinen wird angenommen, dass im gemäßigten, zwischen dem ozeanischen und dem kontinentalen übergangsmäßigen Klima, in dem sich Polen befindet, der Anbau von Taglilien aus der Gruppe der Dormanten vorzuziehen ist und man in Bezug auf winter- und halbwintergrüne Pflanzen Vorsicht walten lassen sollte. Die noch geringen Erfahrungen im Anbau von winter- und halbwintergrünen Taglilien in unserem Land sowie die klimatischen Änderungen in unseren geografischen Breiten in den letzten Jahren, die von verhältnismäßig milden Wintern gekennzeichnet sind, erlauben zu dieser Frage keine klare und eindeutige Meinung.
Die Bestimmung des Grades der Anpassungsmöglichkeiten der winter- und halbwintergrünen Taglilien an unsere klimatischen Bedingungen ist insofern wesentlich, als dass es im überwiegenden Teil Pflanzen mit herausragenden Zierwerten sind, und die Möglichkeit ihres Anbaus in unseren Bedingungen für den Gebrauch der schöpferischen Zucht hebt auf ganz wesentliche Art ihr Niveau.
Man darf beim Beginn von Züchtungsarbeiten mit Taglilien nicht vergessen, dass die Blüte, obwohl sie ihr attraktivster und der am meisten erwartete Teil ist, nur ein Fragment der Pflanze ist, welche von der Natur mit einer Reihe weiterer, dennoch wesentlicher Eigenschaften für die Gartenpflegepraxis ausgestattet wurde. Solche Eigenschaften wie die Blütezeit, die Blütengröße, die Höhe des Triebes, die Zahl der Blütenknospen am Trieb, die Art der Ausbreitung der Blütenblätter während der Blütezeit, die Beständigkeit der Blütenfarbe, die Zeit, in der sich die Blüten halten, die Widerstandsfähigkeit gegen klimatische Veränderungen und Krankheiten, der Duft, die Fruchtbarkeit, und vielleicht noch andere machen den Wert der Pflanze aus.
Indem ich mir dem oben Gesagten vollkommen bewusst bin, widme ich die Abhandlung in diesem Teil jedoch nur den Blüten der Taglilien, denn sie stellen vor allem eine verblüffend prächtige Visitenkarte des Fortschritts in der Taglilienzucht der letzten Jahre dar.



